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Text mit Originalseitennummer   - {x}

Bemerkungen  -  (ldn-knigi)

Leon Pinsker

 

 

AUTOEMANZIPATION

 

Sechste Auflage

 

Jüdischer Verlag Berlin

 

 

 

 

Mahnruf an seine Stammesgenossen

von einem russischen Juden

 

 

Mit einer Vorbemerkung von Achad Haam

 

 

 

 

 

 

'Wenn ich selbst

mir nicht helfe,

wer denn?

und wenn nicht heute,

wann denn?'

 

HILLEL

 

 

 

 

 

 

 

 

Erste Auflage im Jahre 1882... Sechste Auflage Ende 1933

 

Gedruckt bei Jul. Kittls Nachf., Keller & Co. / Mährisch-Ostrau

 


{3}

 

 

ACHAD  HAAM

 

 

EIN STOLZER JUDE

 

             

              Der Grundzug von Pinskers nationalem Bewußtsein ist ein ungewöhnlich tiefes Gefühl für die nationale Würde, oder, wie er es selbst nennt, für nationale Selbstwürde.

              Pinsker sieht in der Idee der Autoemanzipation vor allem nicht die Er-rettung von äußeren Verfolgungen, sondern die Wiederherstellung der nationalen Ehre und die "Wiedergeburt des Gefühls der Eigenwürde in uns. Daß die Anderen uns verfolgen und verachten - das ist wohl sehr traurig. Noch trauriger ist es aber, daß wir selbst als Volk auf das Verhalten der Umgebung zu uns auf unwürdige Art reagieren und durch unser Verhalten die Verachtung der Anderen gewissermaßen rechtfertigen. Die pathetischesten Blätter in der Pinskerschen Schrift sind gerade dieser inneren Seite unseres nationalen Problems gewidmet. Dort erhebt er sich oft bis zur Höhe prophetenhaften Zornes, in dem die Tragik des stolzen Sohnes eines Volkes widerhallt, das seinen Stolz verloren hat.

              Pinsker kann sich nicht mit jener demütigenden Ergebenheit abfinden, mit der sein Volk die empörendsten Beleidigungen hinnimmt. Ein stolzes Volk, so schwach es auch sein möge, kann in solchen Fällen nicht anders, als die Empörung seiner verletzten Seele auf die oder jene Weise zu äußern. Nicht weniger lehnt sich Pinsker gegen unser würdeloses Verhal-ten gegenüber unseren Gönnern auf, gegen jenen Mangel der Selbstwürde, den wir angesichts des leisesten herablassenden Lächelns von selten der Anderen verraten. '...

Sagt man einem Juden, er mache seinem Volke Ehre, so ist dieses Volk töricht genug, darauf stolz zu sein. So weit sind wir gesunken, daß wir fast übermütig werden vor Freude, wenn, wie im Okzident, ein geringer Bruchteil unseres Volkes mit den Nichtjuden gleichgestellt worden ist'. Die angeführten Worte zeigen bereits, wie Pinsker das 'große Ideal' der Emanzipation beurteilt, das in gewissen Kreisen der Judenheit jetzt noch beinahe als Endzweck im Dasein unseres Volkes erscheint.

Er sieht in dem Akt der Emanzipation selbst nichts als den Ausdruck tiefster nationaler Demütigung, die die Juden erröten lassen müßte, wenn sie nicht aller nationalen Selbst-würde bar wären. Bedürfe doch kein anderes Volk der Emanzipation. Für alle bestehe die allgemeine Gesetzgebung.

              Überhaupt erlebt Pinsker unser ganzes Dasein in der Diaspora mit oder ohne Emanzipation als eine einzige ununterbrochene Entwürdigung. Die physischen Leiden des Volkes treten zurück gegenüber jener bren-nenden Seelenpein, die ihm diese Demütigung verursacht.

{4}        An und für sich würde die Verachtung von selten der Umgebung ihm durchaus nicht so unerträglich erscheinen, wenn er gleich vielen Anderen sich bei der Auffassung beruhigen könnte, daß sie weiter nichts wäre, als die Frucht jahrhundertelanger Vorurteile, der Unwissenheit usw.

Sein stolzer Sinn würde dann diese Verachtung einfach verachten.

 

Aber leider kann er nicht verkennen, daß das Benehmen seines Volkes nicht die allerletzte Ursache eines solchen Verhaltens ihm gegenüber ist.

              'Verächtlich seid ihr, weil ihr keine wahre Eigenliebe und kein natio-nales Selbstgefühl habt. Nationales Selbstgefühl! Wo dieses hernehmen? Das ist ja das große Unglück unseres Stammes, daß wir keine Nation ausmachen, daß wir bloß Juden sind. Eine über den ganzen Erdboden verstreute Herde sind wir.'

              'Herde'. In diesem einen Wort scheint Pinsker alle jene bitteren Wahr-heiten zusammenzufassen, die er über die Seelenverfassung der Juden aus-spricht. Eine Herde denkt weder an ihre Würde, noch an ihre Zukunft, denkt überhaupt an nichts, außer an die unmittelbare Gefahr, der sie irgendwie zu entrinnen sucht, gleichviel auf welche Weise, ob der ganze Haufe zusammen, oder jeder für sich.

 

              So wurde Pinsker von L. Gordon in seinem ihm gewidmeten Gedicht 'Die Herde Gottes' (Eder Adonai) verstanden. Jedoch hatte Gordons Dichtersinn nicht vermocht, diese Schmach des Herdenvolkes in einer großen Schöpfung zu brandmarken. Dies vollbrachte ein anderer, reicher begnadeter Dichter, Bialik, in seinen unsterblichen 'Liedern des Zornes'.

Welcher Jammer, daß es Pinsker nicht vergönnt war, das zu erleben. Er hätte dann erfahren, daß sein prophetisches Wort nicht umsonst erschallt war, und sterbend hätte er seinen Trost in dem Bewußtsein gefunden, daß er doch nicht der letzte 'stolze Jude' war.

 

 

(Übersetzung aus dem Hebräischen.)

 


{5}

 

 

                     VORBEMERKUNG DES VERFASSERS:

 

                            Auf den Jammer blutiger Gewalttätigkeiten ist ein Moment der Ruhe gefolgt und Hetzer wie Gehetzte können eine Weile verschnaufen. Unterdessen werden die jüdischen Flüchtlinge mit eben jenem Gelde, das zum Zwecke der Auswanderung gesammelt wurde - 'repatriiert!' Die Juden im Okzident aber haben den Hepp-Hepp-Ruf wieder ertragen gelernt, wie ihre Väter in vergangenen Tagen. Der flammende Aus-bruch der Entrüstung über die erlittene Schmach hat sich in einen Aschenregen verwandelt, der den glü-henden Boden allgemach bedeckt. Schließt nur die Augen und versteckt den Kopf wie der Strauß - ein dauernder Friede ist Euch nicht beschieden, wenn Ihr den flüchtigen Moment der Ruhe nicht benützt und radikalere Heilmittel ersinnet als jene Palliative waren, mit denen an unserem unglücklichen Volke seit Jahrtausenden herumgepfuscht wird!

 

Im September 1882.

 

'Wenn ich selbst mir nicht

helfe, wer denn? und wenn

nicht heute, wann denn?

HILLEL

 

 

 

              DAS URALTE PROBLEM DER JUDENFRAGE SETZT wie vor Zeiten so auch heute wieder die Gemüter in Erregung. Ungelöst, wie die Quadratur des Zirkels, bleibt es, ungleich dieser, immer noch die brennende Frage des Tages. Der Grund hierfür liegt darin, daß das Problem kein bloß theoretisches Interesse darbietet, sondern sich im wirklichen Leben gleichsam von Tag zu Tag verjüngt und immer gebieterischer zur Entscheidung hindrängt.

              Nach unserer Auffassung besteht der Kernpunkt des Problems in folgendem:

              Die Juden bilden im Schöße der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich ein heterogenes Element, welches von keiner Nation gut vertragen werden kann.

              Die Aufgabe besteht nun darin, ein Mittel zu finden, durch welches dieses exklusive Element dem Völkerverbande derart an-gefaßt werde, daß der Judenfrage der Boden für immer entzogen sei.

 

{6}        Wir können hierbei natürlich nicht an die Herstellung einer ab-soluten Harmonie denken. Eine solche hat wohl auch unter den übrigen Völkern niemals bestanden. Jener Messiastag, an welchem die 'Internationale' verschwinden und die Nationen in der Menschheit aufgehen werden, liegt noch in unsichtbarer Ferne. Bis dahin müssen die Wünsche und Ideale der Völker sich darauf beschränken, einen erträglichen modus vivendi zu schaffen.

              Auf den ewigen Frieden wird man noch lange warten müssen; bis dahin aber werden sich die Beziehungen der Nationen zu ein-ander durch ein bedingtes Einvernehmen leidlich gut regulieren lassen - ein Einvernehmen, welches durch Völkerrecht, Verträge, besonders aber durch eine gewisse Ebenbürtigkeit der Stellung und der gegenseitigen Ansprüche sowie durch gegenseitige Achtung hergestellt wird.

              In den Beziehungen der Völker zu den Juden ist eine solche Ebenbürtigkeit der Stellung nicht zu erkennen. Man ver-mißt hier die Grundlage jener gegenseitigen Achtung, welche durch Völkerrecht oder Verträge reguliert und gesichert zu wer-den pflegt. Erst wenn diese Grundlage hergestellt sein wird, wenn die Ebenbürtigkeit der Juden mit den übrigen Nationen eine Tat-sache geworden ist, kann das Problem der Judenfrage als gelöst betrachtet werden.

              Leider ist eine solche Ebenbürtigkeit, die in einer längst ver-gessenen Vergangenheit als Realität existierte, erst wieder in einer so entfernten Zukunft zu erwarten, daß unter den jetzigen Ver-hältnissen das Einreihen des jüdischen Volkes in die Kategorie der ändern Völker illusorisch erscheint.

              Es fehlen ihm hierzu die meisten jener Attribute, welche not-wendig zur Erkennung einer Nation dienen. Es fehlt ihm jenes ureigene Leben, das ohne gemeinsame Sprache und Sitte, ohne räumliche Zusammengehörigkeit nicht denkbar ist. Das jüdische Volk hat kein eigenes Vaterland, wenn auch viele Mutterländer; es hat kein Zentrum, keinen Schwerpunkt, keine eigene Regie-rung, keine Vertretung.

Es ist überall anwesend und nirgends zu Hause.

Die Nationen haben es n i e mit einer jüdischen Nation, sondern immer nur mit Juden zu tun. Für eine jüdische Natio-nalität fehlt es den Juden an einer gewissen, jeder anderen Nation innewohnenden charakteristischen Volkstümlichkeit, welche durch das Zusammenwohnen auf einem Staatsgebiete bedingt ist. Diese Volkstümlichkeit konnte sich natürlicherweise in der Zer-streuung nicht herausbilden. Vielmehr scheint bei den Juden jede Erinnerung an die einstige gemeinsame Heimat vernichtet zu sein.

{7}        Dank ihrer leichten Anpassungsfähigkeit haben sie nur um so leichter sich die ihnen angeborenen Eigentümlichkeiten derjenigen Völker angeeignet, unter die das Schicksal sie geworfen. Nicht selten haben sie sogar, ihren Schutzgebern zuliebe, sich ihrer tra-ditionellen Originalität gänzlich entäußert. Sie haben sich gewisse kosmopolitische Tendenzen angeeignet oder eingeredet, welche ebensowenig ändern zusagen, als ihnen selbst genügen konnten.

              Indem sie sich mit anderen Völkern zu amalgamieren suchten, haben sie sich gewissermaßen mutwillig ihrer eigenen Nationalität begeben. Nirgends aber haben sie es durchgesetzt, daß sie von ihren Mitbürgern als ebenbürtige Eingeborene anerkannt worden wären.

 

              Was jedoch die Juden am meisten von der Erstrebung einer eigenen nationalen Existenz zurückhält, ist der Umstand, daß sie nach einer solchen Existenz kein Bedürfnis fühlen. Ja, sie fühlen nicht nur kein Bedürfnis danach, sondern leugnen sogar die Berech-tigung eines solchen Bedürfnisses.

              Beim Kranken ist das fehlende Bedürfnis nach Speise und Trank ein sehr bedenkliches Symptom. Nicht immer gelingt es, ihn von seiner verhängnisvollen Anorexie zu befreien. Und glückt es selbst, diese zu beheben, so ist es noch fraglich, ob der Kranke imstande sein wird, die bereits begehrte Speise aufzunehmen.

              Die Juden sind in der traurigen Lage eines solchen Kranken. Auf diesen wichtigsten aller Punkte müssen wir mit aller Entschieden-heit eingehen. Wir müssen den Beweis führen, daß das Mißgeschick der Juden vor allem in ihrem Mangel an Bedürfnis nach nationaler Selbständigkeit begründet ist, daß dieses Bedürfnis aber notwendig in ihnen geweckt und wachgehalten werden muß, wenn sie nicht einer ewig schmachvollen Existenz preisgegeben sein wollen; mit einem Wort: daß sie eine Nation werden müssen.

             

              In dem unscheinbaren Umstande, daß die Juden den Völkern nicht als selbständige Nation gelten, liegt zum Teil das Geheimnis ihrer Ausnahmestellung und ihres endlosen Elends. Die bloße Zu-gehörigkeit zu diesem Volke ist ein unauslöschliches Brandmal, abstoßend für den Nichtjuden und peinlich für den Juden selbst. Und dennoch ist diese Erscheinung in der Natur des Menschen tief begründet.

              Unter den lebenden Nationen der Erde stehen die Juden als eine schon seit langem abgestorbene Nation da. Mir dem Verlust ihres {8} Vaterlandes sind sie ihrer Selbständigkeit verlustig gegangen und einer Zersetzung anheimgefallen, die sich mit dem Wesen eines einheitlichen, lebendigen Organismus nicht verträgt. Der unter der Wucht der Römerherrschaft erdrückte Staat verschwand vor den Augen der Völker.

Aber nachdem das jüdische Volk seine staatlich-leibliche Existenz, sein politisches Dasein aufgegeben, konnte es dennoch der totalen Vernichtung nicht anheimfallen, hörte es nicht auf, geistig als Nation fortzubestehen.

Die Welt erblickte in diesem Volke die unheimliche Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt. Diese geisterhafte Erscheinung eines wandelnden Toten, eines Volkes ohne Einheit und Gliede-rung, ohne Land und Band, das nicht mehr lebt und dennoch unter den Lebenden umhergeht; diese sonderbare Gestalt, welche in der Geschichte ihresgleichen kaum wiederfindet, die ohne Vor-bild und ohne Abbild ist, konnte nicht verfehlen, in der Ein-bildung der Völker auch einen eigentümlichen, fremdartigen Ein-druck hervorzubringen. Und wenn die Gespensterfurcht etwas Angeborenes ist und eine gewisse Berechtigung findet im psychi-schen Leben der Menschheit - was Wunder, daß sie sich auch angesichts dieser toten und dennoch lebenden Nation in hohem Grade geltend machte?

              Es hat sich eine Scheu vor dem Judengespenst durch Geschlechter und Jahrhunderte vererbt und befestigt. Diese Scheu führte zu einer Voreingenommenheit, welche ihrerseits in Verbindung mit noch andern, später zu erörternden Umständen, der Judophobie Platz gemacht hat.

 

         Im Verein mit allen anderen unbewußten und abergläubischen Vorstellungen, Instinkten und Idiosynkrasien hat auch die Judo-phobie bei allen Völkern der Erde, mit denen die Juden ver-kehrten, das volle Bürgerrecht erworben. Die Judophobie ist eine Abart der Dämonopathie, nur mit dem besonderen Unterschiede, daß das Judengespenst dem ganzen Menschengeschlechte und nicht bloß einzelnen Völkerschaften zu eigen geworden ist, und daß es nicht wie andere Gespenster wesenlos ist, sondern aus Fleisch und Blut besteht und selber von den Wunden, welche ihm von der scheuen, sich bedroht wähnenden Menge beigebracht werden, die qualvollsten Schmerzen erduldet.

              Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär, und als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar.

             

Die Gespensterfurcht ist es, welche als Mutter der Judophobie {9} jenen abstrakten, ich möchte sagen, platonischen Haß hervor-gerufen hat, dank  welchem die ganze jüdische Nation für die wirklichen oder angeblichen Vergehen ihrer einzelnen Mitglieder verantwortlich gemacht und so vielfältig verleumdet, so schmählich ins Gesicht geschlagen zu werden pflegt.

 

         Freund und Feind haben von jeher jenen Judenhaß zu erklären oder zu rechtfertigen gesucht, indem sie gegen die Juden allerlei Beschuldigungen erhoben. Sie hätten Jesus gekreuzigt, Christen-blut getrunken, Brunnen vergiftet, Wucher getrieben, den Bauer exploitiert usw. Diese und tausend andere Beschuldigungen gegen ein ganzes Volk erwiesen sich als grundlos und erscheinen schon deshalb als hinfällig, weil sie massenhaft herbeigezogen werden mußten, um das böse Gewissen der Judenverfolger zu beschwichtigen, um das Verdammungsurteil über die ganze Nation zu recht-fertigen, um die Notwendigkeit zu beweisen, daß der Jude (rich-tiger das Judengespenst) verbrannt werden müsse.

Wer zuviel beweisen will, beweist eben nichts. Und wenn den Juden auch mancherlei mit gutem Rechte vorgeworfen wird, so sind es jeden-falls keine großen Laster, keine todeswürdigen Verbrechen, um deretwillen der Stab über die ganze Nation gebrochen werden müßte. In konkreten Fällen sehen wir vielmehr die widerspre-chende Erscheinung, daß Juden im unmittelbaren Verkehre mit Nichtjuden sich leidlich gut vertragen, daß sie häufig in durchaus freundschaftlichem Verhältnis zu ihren nichtjüdischen Nachbarn stehen. Daher kommt es auch, daß die vorgebrachten Beschuldi-gungen gewöhnlich ganz allgemeiner Natur, meist aus der Luft gegriffen sind, gewissermaßen a priori entstehen und höchstens in einzelnen Fällen zutreffen, nicht aber an der ganzen Nation sich bewahrheiten.

 

         So gehen Juden und Judenhaß seit Jahrhunderten unzertrennlich vereint durch die Geschichte. Wie das Volk der Juden, dieser ewige Ahasverus, so scheint auch der Judenhaß nie sterben zu wollen. Man müßte mit Blindheit geschlagen sein, um zu behaup-ten, daß die Juden nicht das auserwählte Volk des allgemeinen Hasses sind. Die Völker mögen in ihren gegenseitigen Beziehungen, in ihren Instinkten und Bestrebungen noch so auseinandergehen - in ihrem Widerwillen gegen die Juden reichen sie sich die Hände, in diesem einzigen Punkte sind sie alle miteinander einverstanden. In welchem Grade und unter welcher Gestalt sich diese Abneigung kundgibt, hängt freilich von der Kulturstufe jedes einzelnen Vol-kes ab. Im Wesen aber besteht sie überall und immer, gleichviel, {10} ob sie sich kundgibt in Form von Gewalttätigkeiten, in neidischer Scheelsucht oder unter der Maske von Toleranz und Schutz.

Als Jude geplündert sein, oder als Jude beschützt werden müssen, ist gleich beschämend, gleich peinlich für das menschliche Gefühl der Juden.

 

         Indem wir die Judophobie als eine dem Menschengeschlechte eigentümliche, hereditäre Dämonopathie aufgefaßt und den Juden-haß als auf einer vererbten Verirrung des menschlichen Geistes beruhend darstellen, müssen wir die für uns wichtige Folgerung ziehen, daß man auf die Bekämpfung dieser feindseligen Strebun-gen ebenso verzichten muß, wie auf die Bekämpfung jeder anderen erblichen Disposition.

Diese Einsicht ist um so wichtiger, als es endlich angezeigt ist, von jeder Zeit und Kräfte raubenden Polemik als von einer unproduktiven Klopffechterei Abstand zu nehmen. Denn mit dem Aberglauben kämpfen selbst Götter vergebens.

Voreingenommenheit oder böser Instinkt vertragen sich mit keiner noch so scharfen und klaren Beweisführung.

Man muß entweder die materielle Kraft haben, diese finstern Mächte, wie jede andere blinde Naturkraft, in Schranken zu halten, oder ihnen einfach aus dem Wege gehen.

 

         Im Seelenleben der Völker also finden wir die Begründung der Voreingenommenheit gegen die jüdische Nation. Aber auch noch andere, nicht weniger wichtige Momente, welche die Verschmel-zung oder die Gleichstellung der jüdischen Nation mit den anderen Nationen unmöglich machen, müssen in Betracht gezogen werden.

Im allgemeinen besitzt kein Volk eine Vorliebe für den Ausländer. Diese Tatsache hat ihre ethnologische Begründung und kann keinem Volke zum Vorwurf gemacht werden.

              Unterliegt nun der Jude diesem allgemeinen Gesetze in gleichem Maße wie die übrigen Nationalitäten? Keineswegs! Die Abneigung, die dem Ausländer im fremden Lande entgegentritt, kann in dessen Heimat mit gleicher Münze vergolten werden.

              Ohne Anstoß und offen verfolgt der Nichtjude im Ausland seine eigenen Interessen. Man findet es überall natürlich, ihn - allein oder im Verein mit ändern - für diese Interessen kämpfen zu sehen. Der Ausländer braucht im fremden Lande kein Patriot zu sein oder zu scheinen.

Der Jude ist aber in seiner Heimat nicht nur kein Einheimischer, er ist auch kein Ausländer, er ist recht eigentlich ein Fremder 'kat' exochen'. Man sieht in ihm weder den Freund noch den Feind, sondern einen Unbekannten, von welchem nur bekannt ist, daß er keine Heimat besitzt. Dem {11} Ausländer mag man nicht vertrauen; dem Juden - nicht trauen.

Der Ausländer beansprucht eine Gastfreundschaft, welche er mit gleicher Münze bezahlen kann. Der Jude kann auf solche Weise nicht quittieren; er darf daher keine Ansprüche machen auf Gastfreundschaft. Er ist kein Gast - viel weniger ein willkommener Gast.

Eher gleicht er dem Bettler; und welcher Bettler ist willkommen? Eher ist er ein Schutzbedürftiger. Und wo ist der Schutzbedürftige, dem Schutz nicht auch verweigert werden könnte? Die Juden sind Fremdlinge, welche keine Ver-treter haben können, weil sie kein Vaterland haben.

Weil sie ein solches nicht haben, weil ihre Heimat ohne Grenzen ist, hinter denen sie sich verschanzen könnten - ist auch ihr Elend ohne Grenzen. Für die Juden als für wahre Fremde ist das Gesetz nicht geschrieben. Dagegen existieren überall Judengesetze. Und soll das allgemeine Gesetz auch für die Juden gelten, so muß dieses durch ein besonderes Gesetz erst ausdrücklich bestimmt werden. Sie müssen, wie die Neger, wie die Frauen, ungleich allen freien Völkern, emanzipiert werden.

 

         Da der Jude nirgends zu Hause ist, nirgends als Einheimischer betrachtet wird, so bleibt er überall ein Fremdling.

Daß er selbst, daß auch seine Vorfahren im Lande geboren sind, ändert an diesem Tatbestand nicht das Geringste. In den allermeisten Fällen wird er als Stiefkind, als Aschenbrödel behandelt, im günstigsten Falle gilt er als Adoptivkind, dessen Rechte bestritten werden können: nie als legitimes Kind des Vaterlandes.

Der auf sein Germanentum stolze Deutsche, der Slawe, der Kelte gibt nicht zu, daß der semitische Jude ihm ebenbürtig sei.

Und wenn er auch, als gebildeter Mensch, ihm alle bürgerlichen Rechte einzuräumen bereit ist, so wird er es doch nie dahin bringen, in diesem seinen Mitbürger den Juden zu vergessen. Die legale Eman-zipation der Juden ist der Kulminationspunkt der Leistungen unseres Jahrhunderts. Aber diese gesetzliche Emanzipation ist nicht die gesellschaftliche, und mit der Dekre-tierung der ersteren sind die Juden noch bei weitem nicht von der Ausschließlichkeit ihrer gesellschaftlichen Stellung emanzipiert.

              Die Emanzipation der Juden findet natürlich ihre Rechtfertigung darin, daß sie immer ein Postulat der Logik, des Rechtes und des wohlverstandenen Interesses gewesen sein wird.

Niemals wird man sie als einen spontanen Ausdruck mensch-lichen Gefühls ansehen können. Weit entfernt, ihre Entstehung dem spontanen Gefühle der Völker zu verdanken, ist sie darum {12} auch nirgends selbstverständlich, und hat sie noch nirgends so tiefe Wurzel gefaßt, daß von ihr zu sprechen nicht mehr nötig wäre.

Immerhin, ob die Emanzipation aus eigenem Antriebe, oder auf Grund bewußter Motive vorgenommen wurde, bleibt sie eine reiche Gabe für das arme, erniedrigte Bettelvolk, dem man gern oder ungern das splendide Almosen hinwirft; für das Bettelvolk, das man trotzdem nicht gerne bei sich beherbergen mag. Denn man kann keine Sympathie, kein Zutrauen zu einem vaterlandslosen, wandernden Bettler hegen.

Der Jude darf nicht vergessen, daß ihm das tägliche Brot des Bürgerrechtes gegeben werden muß. Das Brandmal, das diesem Volk anhaftet, das ihm die so wenig beneidenswerte Isolierung unter allen Nationen auf-drängt, wird durch keine offizielle Gleichstellung weggewischt werden können, solange dieses Volk seiner Natur gemäß unstete Landstreicher schaffen wird; solange die Juden selbst in 'arischer' Gesellschaft nicht gerne von ihrer semitischen Herkunft sprechen, nicht gerne an diese erinnert werden mögen; solange man sie verfolgen, dulden, beschützen, emanzipieren wird.

(Diese Analysen wurden in Jahre 1882 in Rußland verfaßt! - ldn-knigi)

 

         Zu diesem entwürdigenden Abhängigkeitsverhältnis des ewig fremden Juden zum Nichtjuden kommt nun ein wesentliches, praktisch wichtiges Moment hinzu, welches eine Verschmelzung der Juden mit den Bodenständigen vollends unmöglich macht.

              Im großen Kampfe ums Dasein unterwerfen die Kulturvölker sich gern den Gesetzen, welche diesen Kampf in eine friedliche Kon-kurrenz, in einen edlen Wetteifer verwandeln helfen. Hier machen die Völker gewöhnlich einen Unterschied zwischen dem In- und Ausländer, wobei natürlicherweise dem ersteren immer der Vorzug gegeben wird.

Wenn nun dieser Unterschied schon in bezug auf den ebenbürtigen Ausländer geltend gemacht wird, wie grell muß er dem ewig fremden Juden gegenüber ausfallen!

Mit welchem Unwillen muß der Bettler angesehen werden, der es wagt, seine lüsternen Augen auf die ihm fremde Heimat zu werfen - wie auf ein geliebtes Weib, das mißtrauische Verwandte beschützen! Und hat er trotzdem Erfolge, und gelingt es ihm, manche Blume von ihrem Kranze zu pflücken, dann wehe dem Unglücklichen! Er beklage sich nicht, wenn es ihm ergeht, wie es den Juden in Spanien und Rußland ergangen ist.

              Damit es den Juden schlecht ergehe, bedarf es übrigens ihrerseits nicht einmal besonderer Erfolge. Dort, wo sie in größeren Massen angehäuft sind, müssen sie schon durch ihre Zahl ein mehr oder weniger bedeutendes Übergewicht in der Konkurrenz zu Ungunsten der nichtjüdischen Bevölkerung ausmachen. In den {13} westlichen Provinzen Rußlands sehen wir die dort zusammen-gepferchten Juden im schauerlichsten Pauperismus ein kümmerliches Dasein fristen. Und dennoch hört man nicht auf, sich über die Exploitation der Juden zu beklagen.

 

*

              Resümieren wir das Gesagte, so ist der Jude für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Einheimischen ein Landstreicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Armen ein Ausbeuter und Millionär, für die Patrioten ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent.

 

         Auf diesem naturgemäßen Antagonismus beruht die Unzahl der beiderseitigen Mißverständnisse und der Beschuldi-gungen und Vorwürfe, welche beide Parteien im Recht oder Unrecht einander entgegenschleudern.

So appellieren die Juden, anstatt die eigene Lage richtig zu erkennen und eine entsprechende rationelle ligne de conduite festzustellen, an die ewige Gerech-tigkeit und wähnen dadurch etwas ausrichten zu können.

Anderer-seits, statt einfach sich auf ihre natürliche Übermacht zu stützen und ihren historisch-tatsächlichen Standpunkt, den Standpunkt des Stärkeren, festzuhalten, versuchen die N i c h t j u d e n  ihre abweisende Stellung durch eine Masse von Beschuldigungen zu rechtfertigen, welche bei näherer Prüfung sich als grundlos oder unwesentlich erweisen.

Wer aber unparteiisch sein will, wer die Dinge dieser Welt nicht nach den Prinzipien eines utopischen Arkadien beurteilen und zurechtlegen, sondern einfach konstatie-ren und erklären will, um daraus einen praktisch-nützlichen Schluß zu ziehen, der wird für den geschilderten Antagonismus keine von beiden Parteien ernstlich verantwortlich machen.

Den Juden aber, um die es uns hier zu tun ist, wird er sagen: Ihr seid doch wahrlich ein törichtes und verächtliches Volk! Töricht seid ihr, weil ihr unbeholfen dastehet und der menschlichen Natur etwas zumutet, was ihr von jeher abging - die Humanität nämlich. Verächtlich seid ihr, weil ihr keine wahre Eigen-liebe und kein nationales Selbstgefühl habt.

              Nationales Selbstgefühl! Wo dieses hernehmen? Das ist ja das große Unglück unseres Stammes, daß wir keine Nation ausmachen, daß wir bloß Juden sind. Eine über den ganzen Erdboden zerstreute Herde sind wir, ohne schützenden und sammelnden Schäfer.

              Wahr ist, daß unsere lieben Schutzgeber von jeher bieder dafür gesorgt haben, daß wir nie zu Atem kommen, und unser Selbst-gefühl nicht zur Geltung gelange. Als vereinzelte Juden, aber {14} nicht als Jüdische Nation, führen wir seit Jahrhunderten den harten und ungleichen Kampf ums Dasein. In der Vereinzelung mußte jeder für sich seinen Geist und seine Energie für ein Stück tränenbenetzten Brotes und etwas sauerstoffhaltige Luft verzetteln.

In diesem verzweifelten. Kampfe unterlagen wir nicht. Wir führten den ruhmvollsten aller Partisanenkriege mit allen Völkern der Erde, welche uns einmütig vernichten wollten. Aber der Krieg, den wir führten, und den wir noch Gott weiß wie lange führen werden, galt nicht einem Vaterlande, sondern

der kümmerlichen Erhaltung von Millionen - 'hausierender Juden!'

              Wenn alle Völker der Erde nicht imstande waren, unser Dasein zu vernichten, so vermochten sie nichtsdestoweniger, in uns das Gefühl unserer nationalen Selbständigkeit zu ersticken.

Und mit fatalistischem Gleichmute sehen wir es an, wie man in manchem Lande uns eine Anerkennung verweigert, welche auch den Zulus nicht leicht versagt werden würde.

In der Zerstreuung behaupteten wir unser individuelles Leben, bewiesen wir unsere Widerstands-fähigkeit, verloren aber das gemeinsame Band unseres nationalen Selbstbewußtseins.

Indem wir unser materielles Dasein zu erhalten suchten, waren wir nur zu oft gezwungen, unsere moralische Würde außer acht zu lassen. Wir bemerkten nicht, daß wir durch diese unwürdige, wenn auch aufgezwungene Taktik nur um so tiefer in den Augen unserer Widersacher gesunken sind, nur um so mehr einer erniedrigenden Verachtung, einer vogelfreien Existenz preisgegeben wurden, die schließlich uns zu einer unheil-vollen Erbschaft geworden.

Auf der großen weiten Erde fand sich kein Platz für uns. Damit wir nur irgendwie das müde Haupt zur Ruhe legen können, baten wir bloß um ein kleines Plätzchen, und so verkleinerten wir allmählich mit unseren Ansprüchen auch unsere Selbstwürde, die in fremden und eigenen Augen bis zur Unkenntlichkeit verwischt wurde.

Wir waren der Spielball, den die Völker sich gegenseitig zuwarfen. Wir wurden ebenso gerne aufgefangen, wie gestoßen. Man trieb mit uns das böse Spiel um so lieber, je nachgiebiger und elastischer unser nationales Selbst-bewußtsein sich in den Händen der Spieler erwies.

              Wie konnte unter solchen Umständen von einer nationalen Selbst-bestimmung, von einer freien aktiven Entwicklung unserer natio-nalen Kraft oder von urwüchsiger Genialität die Rede sein?

              Beiläufig bemerkt, haben unsere Feinde nicht ermangelt, aus diesem letzteren, an sich teilweise nicht unwahren, aber im Grunde genommen höchst irrelevanten Charakterzug Münze zu schlagen, {15} im unsere Inferiorität zu beweisen.

Man sollte meinen, daß in ihren Reihen die genialen Männer wie Brombeeren an der Hecke wachsen. Die Armseligen! Dem Adler, der einst zum Himmel emporstieg und die Gottheit erkannte, machen sie den Vorwurf, daß er nicht hoch genug in den Lüften schwebt, wenn ihm die Flügel abgeschnitten sind.

Doch auch mit abgeschnittenen Flügeln sind wir auf der Höhe der großen Kulturvölker geblieben. Gönnet uns einmal das Glück einer Selbständigkeit, lasset uns über unser Schicksal allein verfügen, gebet uns ein Stückchen Land, wie den Serben und Rumänen, gönnet uns erst den Vorteil einer freien nationalen Existenz - dann waget es, ein absprechendes Urteil über uns zu fällen, uns den Mangel an genialen Männern vorzu-werfen!

Für jetzt leben wir noch unter dem Druck der Übel, die ihr uns zufügt. Was uns fehlt, ist nicht die Genialität, sondern das Selbstgefühl und das Bewußtsein der Menschenwürde, das ihr uns geraubt.

              Wenn wir mißhandelt, beraubt, geplündert, geschändet werden, dann wagen wir es nicht, uns zu verteidigen und, was noch schlimmer ist, fast finden wir es so in der Ordnung. Schlägt man uns ins Gesicht, so kühlen wir die brennende Wange mit kaltem Wasser, und hat man uns eine blutige Wunde beigebracht, so legen wir einen Verband an.

 

Werden wir hinausgeworfen aus dem Hause, das wir uns selbst gebaut, so flehen wir demütig um Gnade, und gelingt es uns nicht, das Herz unseres Drängers zu erweichen, so ziehen wir weiter und suchen - ein anderes Exil.

Hören wir auf dem Wege einen müßigen Zuschauer uns zurufen: 'Arme Teufel von Juden, ihr seid doch recht zu bedauern', so sind wir aufs tiefste gerührt, und sagt man von einem Juden, er mache seinem Volke Ehre, so ist dieses Volk töricht genug, darauf stolz zu sein.

So weit sind wir gesunken, daß wir fast übermütig wer-den vor Freude, wenn, wie in Westeuropa, ein geringer Bruchteil unseres Volkes mit den Nichtjuden gleichgestellt wurde.

Wer gestellt werden muß, steht bekanntlich schwach auf den Füßen. Wird keine Notiz genommen von unserer Abstammung, und werden wir wie die anderen Landeskinder angesehen, so sind wir dankbar - bis zur absoluten Selbstverleugnung. Für die uns gegönnte behagliche Stellung, für den Fleischtopf, den wir unge-stört benutzen dürfen, reden wir uns und den anderen ein, daß wir gar keine Juden mehr sind, sondern Vollblutsöhne des Vater-landes.

Eitler Wahn! Ihr möget euch als noch so treue Patrioten bewähren, ihr werdet dennoch bei jeder Gelegenheit an eure semitische Abstammung erinnert werden. Dieses verhängnisvolle {16} 'Memento mori' wird euch aber nicht hindern, so lange von der gewährten Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, bis man euch eines schönen Morgens über die Grenze hinauswirft, bis der Mob euch daran erinnert, daß ihr im Grunde doch nichts als Land-streicher und Parasiten seid, für welche kein Gesetz geschrieben ist.

Aber auch eine humane Behandlung gelte uns nicht als Beweis, daß wir gewünscht und nicht eher verwünscht werden.

        

         Welche klägliche Figur machen wir doch! Wir zählen nicht als Nation in der Reihe der anderen Nationen und haben keine Stimme im Rate der Völker, auch nicht in Dingen, die uns selbst angehen. Unser Vaterland - die Fremde, unsere Einheit - die Zerstreuung, unsere Solidarität - die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe - die Demut, unsere Wehrkraft - die Flucht, unsere Originalität - die Anpassung, unsere Zukunft - der nächste Tag. Welche ver-ächtliche Rolle für ein Volk, das einst seine Makkabäer hatte!

 

              Was Wunder, daß ein Volk, welches für das liebe Leben sich mit Füßen treten ließ und diese Füße auch zu küssen gelernt, der tief-sten Verachtung anheimfallen mußte.

              Das Verhängnisvolle in unserer Geschichte liegt darin, daß wir weder sterben noch leben können.

Sterben können wir nicht, ungeachtet der Schläge unserer Feinde, und wollen wir nicht durch eigene Hand, durch Renegation und Selbstvernichtung.

Aber auch leben können wir nicht, dafür sorgen schon unsere Feinde. Als Nation ein neues Leben beginnen, um zu leben wie die ande-ren Völker - auch das wollen wir nicht, dank jenen übereifrigen Patrioten, welche es für nötig erachten, ihrer übrigens ganz selbst-verständlichen Bürgertreue die Berechtigung zu jedem selbständig nationalen Leben zum Opfer zu bringen. Solche patriotischen Fa-natiker verleugnen ihr ureigenes Wesen zugunsten jeder anderen beliebigen, höher oder niedriger stehenden Nationalität. Aber sie betören niemand. Sie sehen nicht, wie gerne man sich für ihre jüdische Kameradschaft bedankt.

 

         So leben wir seit achtzehn Jahrhunderten in Schmach - und nicht ein einziger ernstlicher Versuch, sie abzuschütteln! Wohl kennen wir die große Leidensgeschichte unseres Volkes, und wir sind wahrlich die letzten, die unsere Vorfahren dafür verantwortlich machen wollten.

              Die Sorge für die individuelle Selbsterhaltung mußte jeden nationalen Gedanken, jede gemeinschaftliche Volksbewegung im Keime ersticken.

{17}      Wenn die nichtjüdischen Volker, dank unserer Zerstreuung, in jedem einzelnen von uns das ganze jüdische Volk treffen wollten, so waren wir zwar als Volk resistent genug, um nicht zu unter-liegen, aber auch zu ohnmächtig, um uns zu erheben und einen aktiven Kampf auf eigene Faust fortzuführen. Unter dem Drucke aller uns feindlichen Völker des Erdbodens sind wir im Laufe un-seres langen Exils jedes Selbstvertrauens, jeder Initiative verlustig gegangen.

              Zudem hat der Messiasglaube, der Glaube an die Einmischung einer höheren Macht zugunsten unserer politischen Auferstehung, und die religiöse Annahme, daß wir eine über uns von Gott ver-hängte Strafe geduldig ertragen müssen, uns jeder Sorge um un-sere nationale Befreiung, um unsere Einheit und Unabhängigkeit enthoben.

Wir verließen daher faktisch jeden Vaterlandsgedanken und taten dies um so williger, je mehr wir für unser materielles Fortkommen zu sorgen hatten. So sanken wir immer tiefer und tiefer. Die Vaterlandslosen wurden vaterlandsver-gessen. Ist es nicht endlich an der Zeit, einzusehen, wie schimpf-lich dies für uns ist?

 

         Glücklicherweise stehen gegenwärtig die Dinge doch etwas anders. Die Ergebnisse der letzten Jahre im gebildeten Deutschland, in Rumänien, in Ungarn, besonders aber in Rußland, haben das hervorgebracht, was die viel blutigeren Verfolgungen im Mittel-alter nicht zu bewirken vermochten. Das Volksbewußtsein, welches damals nur im latenten Zustande eines sterilen Märtyrertums sich befunden, entlud sich unter unseren Augen in der Maske der russi-schen und rumänischen Juden in der Form eines unwidersteh-lichen Dranges nach Palästina.

So verfehlt auch dieser Drang in seinen Resultaten sich erwiesen hat, so zeugt er doch für den rich-tigen Instinkt des Volkes, dem es klar geworden, daß es einer Hei-mat bedarf.

Die harten Prüfungen, die es überstanden, haben jetzt eine Reaktion hervorgerufen, die etwas anderes bedeutet, als die fatalistische Erduldung einer von Gottes Hand verhängten Strafe. Auch an der dunklen Masse der russischen Juden sind die Prin-zipien der modernen Kultur nicht spurlos vorübergegangen. Ohne auf das Judentum und auf ihren Glauben zu verzichten, ist sie aufs tiefste empört über eine unberechtigte Mißhandlung, die nur darum ungestraft sich vollziehen konnte, weil eben die jüdische Bevölkerung für die russische Regierung eine fremde ist.

Und die übrigen europäischen Regierungen - wie sollen sie sich um Bürger eines Reiches kümmern, in dessen innere Angelegenheiten sich einzumischen niemand ein Recht hat?

{18}      Heutzutage, seitdem unsere Stammesgenossen auf einem kleinen Teile der Erde zu Atem gekommen und für die Leiden ihrer Brü-der teilnahmsfähiger geworden sind; heutzutage, seitdem man eine Anzahl untergeordneter und erdrückter Nationalitäten ihre Selb-ständigkeit wieder gewinnen ließ,

dürfen auch wir nicht einen Augenblick mehr die Hände im Schoß ruhen lassen, dürfen wir nicht zugeben, daß wir auch in Zukunft dazu verdammt sein sol-len, die aussichtslose Rolle des 'ewigen Juden' fortzuspielen.

Ja, aussichtslos ist diese Rolle zum Verzweifeln.

              Hat ein einzelner Mensch das Unglück, in eine Lage zu geraten, wo er sich von der Gesellschaft verachtet und verstoßen sieht, so nimmt es niemand Wunder, wenn er einen Selbstmord begeht. Aber wo ist das Todeswerkzeug, welches allen auf der Erde zer-streuten Gliedern des jüdischen Volksorganismus den Gnadenstoß erteilen könnte. Und welche Hand würde sich dazu hergeben?

Je weniger dies möglich und wünschenswert ist, um so mehr lastet auf uns die Verpflichtung, die ganze uns noch gebliebene mora-lische Kraft aufzubieten, um uns zu retablieren, damit auch wir endlich im Kreise der lebenden Nationen eine erträglichere und würdigere Stellung einnehmen.

 

         Wenn aber der Standpunkt, von dem wir ausgingen, ein richtiger ist, wenn die Voreingenommenheit des Menschengeschlechtes gegen uns auf angeborenen und unausrottbaren, in anthropologischer und sozialer Hinsicht tief begründeten Prinzipien beruht, so müs-sen wir auch den langsamen Fortschritt der Menschheit auf sich beruhen lassen und einsehen lernen, daß, solange wir nicht wie die anderen Nationen ein eigenes Heim haben, wir ein für allemal die edle Hoffnung aufgeben müssen, mit den anderen gleichwertige Menschen zu werden.

Wir müssen uns zu der Einsicht bekehren, daß, ehe die große Humanitätsidee alle Völker der Erde vereini-gen wird, noch eine Reihe von Jahrtausenden vergehen kann, und daß bis dahin ein Volk, welches überall und nirgends zu Hause ist, auch überall als fremder Körper von den Volksorganismen empfunden werden wird.

Es ist die Zeit gekommen für eine nüch-terne und leidenschaftslose Erkenntnis unserer wahren Lage.

Mit unparteiischem Blicke, ohne vorgefaßte Meinung müssen wir im Völkerspiegel die tragisch-possenhafte Figur unseres Volkes her-auserkennen, welche verzerrten Gesichts und mit verstümmelten Gliedern die große Weltgeschichte mitmachen hilft, ohne mit der eigenen kleinen Volksgeschichte auch nur leidlich fertig zu werden.

Wir müssen uns ein für allemal mit der Idee befreunden, daß die {19} anderen Nationen vermöge eines ihnen innewohnenden, natur-gemäßen Antagonismus uns ewig ausstoßen werden. Vor dieser Naturkraft, welche wie jede andere Elementarkraft wirkt, dürfen wir unsere Augen nicht verschließen; wir müssen von ihr Notiz nehmen.

Beklagen dürfen wir uns über dieselbe nicht. Ver-pflichtet sind wir dagegen, uns selbst zusammenzunehmen, uns aufzuraffen und darauf zu achten, daß wir nicht in Ewigkeit das Aschenbrödel, der Amboß der Völker verbleiben.

 

         So wenig wir das Recht haben, alle anderen Völker für unser nationales Unglück verantwortlich zu machen, ebensowenig sind wir berechtigt, unser nationales Glück einzig und allein in ihre Hände zu legen. Auf dem unabsehbar langen Wege zum voll-kommenen praktischen Humanismus, wenn es überhaupt je zu einem solchen kommen soll, befindet sich das Menschengeschlecht und wir mit ihm kaum auf der ersten Etappe.

 

Darum müssen wir von der Wahnvorstellung ablassen, daß wir mit unserer Zer-streuung eine providentielle Mission erfüllen - eine Mission, an welche keiner glaubt, ein Ehrenamt, das wir, aufrichtig gesprochen, gern aufgeben möchten, wenn nur damit zugleich auch der Schimpf-name 'Jude' aus der Welt geschafft werden könnte.

              Bisher gelten wir in der Welt nicht als solide Firma und wir genie-ßen daher auch keinen rechten Kredit. Nicht in illusorischen Selbst-täuschungen, sondern nur in der Wiederherstellung eines eigenen, einheitlichen, nationalen Bandes haben wir unsere Ehre, unser Heil zu suchen.

 

         Wenn die nationalen Bestrebungen mancher unter unseren Augen entstandenen Völker eine innere Berechtigung hatten, kann es dann noch fraglich sein, ob auch den Juden diese Berechtigung zukomme? Mehr als jene greifen sie in das internationale Kulturleben ein; mehr als jene haben sie sich um die Menschheit verdient gemacht, haben sie eine Vergangenheit, eine Geschichte, eine gemeinsame unvermischte Abstammung, eine unverwüstliche Lebenskraft, einen unerschütterlichen Glauben und eine beispiellose Leidensgeschichte aufzuweisen; mehr als an jeder anderen Nation haben an ihnen die Völker sich versündigt. Ist das noch immer zu wenig, um sie vater-landsfähig, vaterlandswürdig zu machen?

              Das Streben der Juden nach einer national-politischen Einheit und Selbständigkeit hat nicht allein eine innere Berechtigung wie das jedes anderen unterdrückten Volkes, es müßte auch Zustimmung finden bei den Völkern, denen wir, mit Recht oder Unrecht, unbe-quem sind. Dieses Streben muß eine Tatsache werden, die sich der {20} internationalen Politik der Gegenwart unwiderstehlich aufdrängt und gewiß auch eine Zukunft haben wird.

 

         Wohl muß man gleich am Anfange auf ein großes Geschrei gefaßt sein.

Wohl werden die ersten Regungen dieses Strebens von den meisten der mit Recht furchtsam und skeptisch gewordenen Juden als unbewußte Zuckungen eines schwer darniederliegenden Orga-nismus ausgegeben werden; und gewiß wird die Durchführung und Verwirklichung solcher Bestrebungen den größten Schwierigkeiten unterliegen, vielleicht nur nach übermenschlichen Anstrengungen möglich werden.

Man bedenke aber nur, daß sich den Juden kein anderer Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage darbietet und daß es feige wäre, einen solchen Weg nicht zu betreten, bloß weil er lang, schwierig und gefährlich ist, weil er nur wenig sichere Chancen für einen glücklichen Erfolg bietet. Wer nicht wagt, gewinnt nicht - und wahrlich, was haben wir noch zu verlieren? Im schlimmsten Falle bleiben wir auch fernerhin, was wir bislang waren, und was wir aus Feigheit nicht aufhören wollen zu sein: die ewig verachteten Juden.

              Unter den gegebenen und nicht zu ändernden Umständen waren wir, sind wir und werden wir zu allen Zeiten die Parasiten sein, welche der herrschenden Bevölkerung zur Last fallen und es ihr nie-mals recht machen werden.

Das wird um so weniger der Fall sein, da wir, wie es scheint, nur in einem minimalen Verhältnis uns mit den Nationen vermischen können. Daher muß es unsere Pflicht sein, dafür zu sorgen, daß der Überschuß, der ungelöste Rück-stand, entfernt und anderwärts untergebracht werde. Keinem andern kann es obliegen, dafür zu sorgen, als uns selbst.

Wenn man die Juden unter alle Nationen der Erde gleichmäßig verteilen könnte, so würde es vielleicht keine Judenfrage mehr geben. Aber dies ist nicht möglich. Es muß vielmehr zugegeben werden, daß man für eine Masseneinwanderung der Juden sich selbst in den vor-geschrittensten Staaten sehr bedanken wird.

              Mit schwerem Herzen sprechen wir dies aus; aber wir müssen die Wahrheit eingestehen. Und diese zu erkennen, tut uns um so mehr not, als wir nur durch die rechte Einsicht imstande sein werden, die rechten Mittel zur Besserung unserer Lage zu finden.

              Auch wäre es sehr traurig, wenn wir die praktischen Ergebnisse un-serer Erfahrungen nicht benutzen wollten.

              Diese Ergebnisse beruhen vor allem in der sich immer mehr ver-breitenden Erkenntnis, daß wir nirgends zu Hause sind, und daß {21} wir endlich doch irgendeine Heimat, wenn nicht ein eigenes V a t e r l a n d haben müssen.

              Ein weiteres Ergebnis unserer Erfahrungen besteht darin, daß der klägliche Ausgang der Emigration aus Rußland und Rumänien nach den Pogromen von 1881 einzig und allein dem hochwichtigen Um-stande zuzuschreiben ist, daß wir unvorbereitet von ihr überrascht wurden, daß für die Hauptsache nicht vorgesorgt worden - weder für ein Asyl, noch für eine regelrechte Organisa-tion der Auswanderung selbst.

Bei diesem Umzuge von Tausenden hat man eine Kleinigkeit vorzubereiten vergessen, die kein Bürger vergißt, wenn er umziehen will - eine neue

p a s s e n d e  Wohnung.

 

         Wenn wir nun um eine sichere Heimat besorgt sind, um das ewige Wanderleben aufzugeben und unsere Nation in eigenen und frem-den Augen aufzurichten, so dürfen wir vor allem nicht davon träu-men, das alte Judäa wieder herzustellen.

Wir dürfen nicht dort wieder anknüpfen, wo einst unser Staatsleben gewaltsam abgebro-chen und zertrümmert worden ist. Unsere Aufgabe, wenn sie einmal gelöst sein soll, sei eine bescheidene.

Ohnehin ist sie schwierig genug. Nicht das 'h e i l i g e' Land soll jetzt das Ziel unserer Be-strebungen werden, sondern das 'eigene'.

Wir brauchen nichts als ein großes Stück Landes für unsere armen Brüder, welches unser Eigentum bleiben soll, aus dem kein fremder Herr uns verdrängen könnte.

Dorthin wollen wir das Heiligste mitbringen, was wir aus dem Schiffbruch unseres einstigen Vaterlandes gerettet: die Got-tesidee und die Bibel.

Denn nur diese sind es, welche unser altes Vaterland zum Heiligen Lande gemacht, nicht etwa Jerusa-lem oder der Jordan. Möglicherweise könnte auch das heilige Land unser eigenes werden.

Dann um so besser, aber es muß vor allem festgestellt werden - und darauf kommt es nur an - welches Land uns überhaupt zugänglich und gleichzeitig geeignet ist, den Juden aller Länder, welche ihre Heimat verlassen müssen, eine sichere, un-angefochtene, produktionsfähige Zufluchtstätte zu bieten.

 

         Wir verkennen nicht, daß die Erreichung dieses Zieles, welches die Lebensaufgabe unserer Nation ausmachen sollte, den größten inneren und äußeren Schwierigkeiten begegnen wird.

Schwieriger aber als alles andere wird schon die erste notwendigste Bedingung hierfür zu beschaffen sein: der nationale Entschluß. Denn leider, ein starres Volk sind wir. Wie leicht könnte eine konserva-tive Opposition, von der die Geschichte unseres Volkes so vieles {22} zu erzählen weiß, einen solchen Entschluß im Keime ersticken.

Wehe dann unserer ganzen Zukunft!

              Welch ein Unterschied zwischen einst und jetzt! Einmütig und in geschlossenen Reihen vollzogen wir einst einen geordneten Auszug aus Ägypten, um einer schmachvollen Sklaverei zu entgehen und ein Vaterland zu erobern.

Jetzt wandern wir aus als Flüchtlinge und Vertriebene, den Kazapenfußtritt auf dem Nacken, den Tod im Herzen, ohne einen Moses als Führer, ohne Verheißung eines Lan-des, das wir durch eigene Kraft zu besetzen bestimmt wären.

Durch aller Herren Länder treibt man uns: hier eskortiert man uns mit aller Höflichkeit weiter, damit wir keine Pest verschleppen, dort werden wir im besten Falle irgendwo und irgendwie untergebracht, um frei und unbehelligt - mit alten Kleidern zu handeln, Zigaret-ten zu drehen, oder Stümper des Ackerbaues zu werden.

Es war ein Euphemismus, wenn wir von Emigration sprachen. Beschämt und ratlos standen die Flüchtlinge an der Grenze und spähten mit ihren hohlen Augen nach Hilfe. Einige wenige Baracken und einige tau-sende von Freibilletts dienten quasi als Antwort... Dann noch einige Repatriationstransporte, noch tausend bittere Enttäuschun-gen, und die Flut einer zu neuem Leben erwachten Volksbewegung wird zu Ebbe. Ringsum wird's still, und unsere wohltätigen Brüder im Westen begeben sich behaglich zur Ruhe. Der wogende See von gestern legt sich und verwandelt sich in den alten Sumpf mit dem alten kriechenden Gezüchte.

              So drehen wir uns ratlos im verzauberten Kreise bereits seit Jahr-tausenden und lassen das blinde Schicksal über uns walten! Denn die tausendjährigen Leiden haben aus uns nur ein Volk von 'barm-herzigen Brüdern' gemacht, aber keine rationellen Volks-ärzte geschaffen. Wir folgen dem alten Schlendrian, indem wir im-mer nur zur Palliative der Wohltätigkeit greifen. Aber wir wollen es nicht verstehen, unser Siechtum an seiner Wurzel zu fassen, um es radikal zu heilen.

              Intelligent und reich an Erfahrungen, sind wir kurzsichtig und leichtsinnig wie Kinder, haben wir keine Zeit gefunden, uns zu sam-meln und uns zu fragen, ob denn dieses tolle Treiben, oder besser dieses tolle Getriebensein nie ein Ende nehmen soll?

 

         Im Leben der Völker wie im Leben des einzelnen gibt es wichtige Momente, die nicht oft wiederkehren und die, benutzt oder unbe-nutzt, einen entscheidenden Einfluß auf die Zukunft, auf das Wohl oder Wehe des Volkes wie des einzelnen ausüben.

Wir durchleben gegenwärtig einen solchen Moment. Das Bewußtsein des Volkes ist {23} erwacht. Die großen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts sind auch an unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen.

Wir fühlen uns nicht allein als Juden; wir fühlen uns als Menschen. Als Menschen wollen wir auch leben und eine Nation sein wie die anderen. Und wenn wir das ernstlich wollen, dann müssen wir vor allem uns dem alten Joch entwinden und uns männlich aufrichten. Dann müssen wir vorerst uns selbst helfen wollen.

Dann erst wird auch die fremde Hilfe nicht auf sich warten lassen.

              Aber die Zeit, die wir gegenwärtig durchleben, ist nicht bloß aus Gründen unserer inneren Erfahrung, nicht bloß infolge unseres neu erwachten Selbstbewußtseins zu endlichem Handeln geeignet. Die allgemeine Geschichte der Gegenwart scheint dazu berufen, unsere Verbündete zu werden.

Im Laufe von einigen wenigen Dezennien sahen wir Nationen sich zu neuem Leben aufrichten, die in einer früheren Zeit nicht gewagt hätten, an ein Wiederauf-kommen zu denken. Schon dämmert es im Dunkel der traditionel-len Staatsweisheit. Bereits neigen die Regierungen, allerdings erst dort, wo sie nicht anders können, ihr Ohr der immer lauter wer-denden Stimme des nationalen Selbstbewußtseins. Freilich waren die Glücklichen, die ihre nationale Selbständigkeit erlangten, keine Juden. Sie standen auf eigenem Boden und redeten eine Sprache, und darin waren sie allerdings vor uns im Vorteil.

 

         Aber wenn unsere Lage auch eine schwierigere ist, so sind wir des-halb doch um so mehr verpflichtet, alle uns zu Gebote stehenden Kräfte aufzubieten, um unserem nationalen Elend in rühmlicher Weise ein Ende zu machen.

Opferbereit und entschlossen müssen wir ans Werk gehen, und Gott wird uns helfen. Opferbereit waren wir immer, und auch an Entschlossenheit fehlte es uns nicht, um unsere Fahne fest-, wenn auch nicht hochzuhalten.

Aber im wogenden Ozean der Weltgeschichte segelten wir ohne Kom-paß, und einen solchen gilt es zu schaffen. Weit, sehr weit entfernt ist der Hafen, den wir mit der Seele suchen. Wir wissen zur zeit noch nicht einmal, wo er sich befindet, ob im Osten oder im We-sten. Dem tausendjährigen Wanderer jedoch darf kein noch so wei-ter Weg zu lang sein.

              Wie aber jenen Hafen finden, ohne eine Expedition auslauten zu lassen? Sind wir einmal so glücklich, zu wissen, was uns not tut, und haben wir erst einen Entschluß gefaßt, dann müssen wir mit aller Vorsicht und Sorgfalt Schritt für Schritt vorwärtsgehen, ja nicht voreilig sein und uns mit aller Kraft dagegen stemmen, daß wir nicht auf Seitenwege abgelenkt werden.

Wohl fehlt uns der {24} geniale Moses als Führer - solche Führerschaften gewährt das Ge-schick einem Volke nicht zu wiederholten Malen. Aber die klare Erkenntnis dessen, was uns am meisten not tut, die Erkenntnis der unabweisbaren Notwendigkeit einer eigenen Heimat würde eine Anzahl tatkräftiger, ehrenfester und hochgestellter Volksfreunde unter uns erwecken, die vereint die Führung ihres Volkes über-nehmen und vielleicht nicht minder, wie jener Einzige, uns von Schmach und Verfolgung zu erlösen imstande wären.

 

         Was sollen wir zunächst tun, wie den Anfang machen?

              Wir glauben, der Keim zu diesem Anfang ist bereits gegeben: er findet sich in den bereits bestehenden Alliancen.

Ihnen steht es zu, sie sind berufen und verpflichtet, den Grundstein zu legen zu jenem Leuchtturm, auf den unsere Augen gerichtet sein werden. Freilich müßten diese Alliancen, wenn sie ihrer neuen gro-ßen Aufgabe gewachsen sein sollen, von Grund aus geändert wer-den.

Sie müssen einen Nationalkongreß ausschreiben, dessen Zentrum sie selbst bilden sollen.

Lehnen sie diese Funktion jedoch ab und glauben sie über den Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit nicht hinausgehen zu können, dann müssen sie zum mindesten aus sich ein besonderes Nationales Institut, sagen wir ein Direkto-rium bilden, das jene uns fehlende Einheit zu vertreten hätte, ohne welche ein Gedeihen unserer Bestrebungen nicht denkbar ist.

Als Vertreter unserer nationalen Interessen müßte dieses Institut aus den Spitzen unseres Volkes zusammengesetzt werden und die Leitung unserer allgemeinen nationalen Angelegenheiten mit Energie in die Hand nehmen. Unsere größten und besten Kräfte - Männer der Finanz, der Wissenschaft und der Praxis, Staats-männer und Publizisten - müßten einmütig sich die Hände reichen, um nach dem gemeinsamen Ziele zu steuern.

Dieses würde haupt-sächlich und zunächst darin bestehen, dem Überschusse der in den verschiedenen Ländern als Proletarier lebenden und den Ein-geborenen zur Last fallenden Juden eine sichere und unantastbare Zufluchtsstätte zu schaffen.

 

         Natürlich kann es uns durchaus nicht um eine Gesamtauswande-rung des Volkes zu tun sein. Die relativ geringe Anzahl der Juden im Okzident, welche einen unbedeutenden Prozentsatz der Bevöl-kerung ausmacht und vielleicht aus diesem Grunde besser gestellt ist, ja bis zu einem gewissen Grade sich dort naturalisiert hat, mag auch fernerhin verweilen, wo sie sich befindet. Auch dort, wo die Juden nicht leicht toleriert werden, mögen die Wohlhabenden ver-bleiben.

Aber es gibt, wie wir bereits gesagt haben, einen gewissen {25} Saturationspunkt, welchen die Juden nicht überschreiten dürfen, wenn sie nicht den Gefahren der Judenverfolgung ausgesetzt sein wollen, wie in Rußland, Rumänien, Marokko usw. Dieser Über-schuß ist es, der, sich und den anderen eine Last - das böse Fatum des ganzen Volkes heraufbeschwört. Für dieses Plus eine Zu-fluchtsstätte zu schaffen, ist jetzt höchste Zeit.

              Mit der Gründung eines solchen dauernden Asyls muß man sich beschäftigen, nicht mit zwecklosen Sammlungen von Geldspenden für Pilger oder für Flüchtlinge, die in ihrer Bestürzung ein ungast-liches Heim verlassen, um in dem Abgrunde einer unbekannten Fremde unterzugehen.

              Die erste Aufgabe jenes von uns so sehr vermißten und unbedingt ins Leben zu rufenden Nationalinstitutes müßte darin bestehen, ein für unsere Zwecke passendes, möglichst einheitliches und zusam-menhängendes Territorium ausfindig zu machen. In dieser Be-ziehung werden sie wohl am besten jene beiden in entgegengesetz-ten Weltgegenden liegenden Länder empfehlen, welche sich in der letzten Zeit den Rang streitig gemacht haben und zwei entgegen-gesetzte Strömungen für die Auswanderung der Juden schufen. Diese Spaltung war der Todeskeim für die ganze Bewegung.

              Ohne Plan, Ziel und Einheit, wie die letzte Emigration gewesen, müßte man sie tatsächlich als gänzlich mißlungen und im Sande verlaufen betrachten, wenn sie nicht zu lehrreich wäre für unser zukünftiges Tun und Lassen.

Bei dem totalen Mangel an Voraus-sicht, verständiger Kalkulation und kluger Einigkeit war es un-möglich, in diesem Chaos von umherirrenden, hungernden Flücht-lingen eine irgendwie aussichtsvolle Bewegung nach einem be-stimmt vorgesteckten Ziele zu erkennen.

Das war keine Emigration, sondern eine verhängnisvolle Flucht. Für die armen Flüchtlinge waren die Jahre 1881-82 ein mit Verwundeten und Leichen be-deckter Heerweg. Und selbst die Wenigen, welche so glücklich wa-ren, das Ziel ihrer Wünsche, den ersehnten Hafen, zu erreichen,

fanden in diesem nichts Besseres als auf dem gefahrvollen Wege.

Überall, wo sie hinkamen, war man bestrebt, sie sich vom Halse zu schaffen. Die Auswanderer sahen sich bald vor der verzweifelten Alternative, entweder ohne Obdach, ohne Hilfe und ohne Rat im fremden Lande umherzugehen, oder beschämt in die ihnen nicht weniger fremde, lieblose Heimat zurückzuwandern.

Diese Auswan-derung war für unser Volk nichts als ein neues Datum in seiner Martyrologie. Aber dieses ziellose Umherirren im Labyrinth des Exils, an das unser Volk von jeher gewöhnt ist, bringt es nicht um einen Schritt vorwärts, es versinkt vielmehr immer tiefer in dem {26} klebrigen Morast seines Wanderweges.

In der letzten Emigration ist kein Zeichen des Fortschritts zum Bessern zu entdecken Verfol-gung, Flucht, Zerstreuung und neues Exil - ganz wie in der guten alten Zeit. Die Ermüdung des Verfolgers gönnt uns jetzt eine kleine Rast, wollen wir uns damit zufriedengeben? Oder wollen wir viel-mehr diese Rast dazu benutzen, um aus den erworbenen Erfahrun-gen die gehörige Moral zu ziehen, damit wir neuen Schlägen, die nicht ausbleiben können, entgehen?

 

         Hoffentlich sind wir jetzt über jenen Zustand hinaus, in welchem die Juden des Mittelalters kläglich vegetierten.

Die Söhne der mo-dernen Kultur in unserem Volke halten ihre Selbstwürde nicht we-niger hoch, als unsere Dränger die ihrige. Aber nicht eher werden wir diese Selbstwürde mit Erfolg wahren können, als bis wir uns gänzlich auf eigene Füße gestellt haben. Ist erst ein Asyl für unser armes Volk - für die Flüchtlinge, die unser historisch-prädestiniertes Geschick uns immer schaffen wird - gefunden, dann wer-den wir gleichzeitig auch in der Achtung der Völker steigen.

Es wird gegen den jetzigen Zustand schon ein gewaltiger Fortschritt sein, wenn wir wissen, wohin wir unsere Schritte zu richten haben, falls wir zur Auswanderung gezwungen sind.

Wir werden alsdann nicht mehr wie in den letzten Jahren von so traurigen Eventuali-täten überrascht werden, wie sie leider gewiß noch mehr als ein-mal in Rußland sowohl als auch in anderen Ländern sich zu wie-derholen versprechen. Rüstig müssen wir an die Arbeit gehen, um das große Werk der Selbstbefreiung zu vollenden.

Wir müs-sen zu allen Mitteln greifen, welche der menschliche Geist und die menschliche Erfahrung geschaffen, damit das heilige Werk einer nationalen Wiedergeburt nicht dem blinden Zufalle überlassen bleibe.

 

         Das Land, das wir zu erstehen haben, muß ein produktives sein und eine gute Lage und genügende Ausdehnung haben, um eine Ansiedlung von einigen Millionen zu gestatten.

Dieses Terrain muß als Nationalgut unveräußerlich sein.

Seine Auswahl ist na-türlich von der ersten und höchsten Wichtigkeit und darf dem zu-fälligen Gutdünken oder gewissen vorgefaßten Sympathien Einzel-ner nicht überlassen werden, wie dies leider in der letzten Zeit ge-schehen.

Dieses Terrain muß einheitlich und räumlich zusammen-hängend sein. Denn es liegt in der Natur unserer Aufgabe, daß wir als Gegengewicht gegen unsere Zerstreuung ein einziges Asyl besitzen, da eine Anzahl von Asylen wiederum unserer alten Zerstreuung gleichkommen würde.

Darum müßte die Auswahl {27} eines solchen nationalen, allen Anforderungen entsprechenden per-manenten Terrains mit aller Vorsicht getroffen und einem einzigen Nationalen Institute, einer von unserem nationalen Direktorium gebildeten Kommission von Sachverständigen anvertraut werden. Nur eine solche Oberinstanz wird nach gründlichen und umfassen-den Untersuchungen ein kompetentes Urteil abgeben und bestim-men können, auf welchen der beiden Kontinente und auf welche Territorien in denselben unsere endgültige Wahl zu fallen habe.

              Dann erst und nicht früher soll das Direktorium, in Gemeinschaft mit einem Konsortium von Kapitalisten als Gründern einer später zu bildenden Aktiengesellschaft, einen Strich Landes ankaufen, auf welchem mit der Zeit einige Millionen Juden sich ansiedeln könnten. Dieser Landstrich könnte entweder in Nordamerika ein kleines Territorium, oder in der asiatischen Türkei ein suzeränes, von der Pforte und den anderen Mächten als neutral anerkanntes Paschalik bilden. Gewiß würde es eine wichtige Aufgabe des Direk-toriums sein, die Pforte und wohl auch die anderen europäischen Kabinette diesem Plane geneigt zu machen.

              Das angekaufte Terrain müßte unter Kontrolle des Direktoriums durch Vermessung in kleine Parzellen geteilt werden, die je nach örtlichen Umständen entweder zu landwirtschaftlichen oder bau-lichen oder industriellen Zwecken bestimmt werden könnten. Jede entsprechend arrondierte Parzelle (Ackerwirtschaft, Haus mit Garten, Stadthaus, Fabrikanlage usw.) würde ein 'Lot' bilden, das dem Bewerber je nach seinem Wunsch zu übergeben wäre.

              Nach erfolgter Vermessung und Veröffentlichung detaillierter Kar-ten und eingehender Beschreibungen des Terrains wäre ein Teil der Lots an Juden gegen angemessene Bezahlung zu einem im Verhält-nis des Ankaufspreises genau fixierten, vielleicht um etwas erhöh-ten Preise zu verkaufen.

Der Erlös samt Gewinn würde teilweise der Finanzgesellschaft gehören, zum Teil in eine vom Direktorium zu verwaltende Unterstützungskasse für hilflose Emigranten flie-ßen. Zur Gründung dieser Kasse könnte das Direktorium auch eine Nationalsubskription eröffnen.

Es ist mit Bestimmtheit vorauszu-sehen, daß unsere Stammesgenossen allerwärts einen derartigen Subskriptionsaufruf mit Freuden begrüßen würden, daß einem der-artigen heiligen Zwecke die reichsten Spenden zufließen würden. In der jedem Käufer ausgelieferten, auf Namen ausgestellten, vom Direktorium und der Gesellschaft unterschriebenen Eigentums-urkunde würde genau die auf der Generalkarte befindliche Num-mer des Lots angegeben werden, so daß jeder klar ersehen könnte, {28} wo sein angekauftes, ihm allein gehörendes Stückchen Erde - Acker oder Bauplatz sich befindet.

              Sicherlich würde so mancher Jude, der vielleicht augenblicklich noch durch einen wenig beneidenswerten Erwerbszweig an die alte Heimat gefesselt ist, mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, um für sich und seine Kinder durch eine solche Urkunde einen Anker in der Not zu schaffen und jenen traurigen Erfahrungen aus dem Wege zu gehen, an denen die jüngste Vergangenheit so reich ist.

              Derjenige Teil des Territoriums, welcher dem Direktorium auf Grund der erwähnten Nationalsubskription und des zu erwarten-den finanziellen Gewinnes zur unentgeltlichen Verteilung zufiele, wäre an mittellose, aber arbeitsfähige Emigranten abzugeben, welche durch örtliche Komitees zur Berücksichtigung empfohlen waren.

              Wie die Spenden der Nationalsubskription nicht mit einem Male, sondern etwa in jährlichen Raten einzulaufen hätten, so müßte auch die Ansiedlung allmählich und in einer gewissen Ordnung vor sich gehen.

              Würde die Expertise ihr Gutachten zugunsten Palästinas oder Sy-riens abgeben, so dürfte diese Entscheidung auf der Voraussetzung beruhen,

daß das Land durch Arbeit und Fleiß mit der Zeit in ein recht produktives verwandelt werden könne.

In diesem Falle würde dort Grund und Boden in Zukunft im Preise steigen. Wird aber das Urteil der Berufenen zugunsten Nordamerikas ausfallen, so müs-sen wir uns beeilen.

Wenn man bedenkt, daß in den Vereinigten Staaten Nordamerikas in den letzten 38 Jahren die Bevölkerungs-zahl von 17 Millionen auf 50 Millionen gestiegen ist, und daß der Zuwachs der Bevölkerung in den nächsten 40 Jahren wahrschein-lich in demselben Verhältnis fortdauern wird, so sieht man wohl ein, daß augenblickliches Handeln notwendig sei, wenn wir uns nicht

f ü r  i m m e r  die Möglichkeit verschließen wollen, in der neuen Welt ein sicheres Asyl für unsere unglücklichen Brüder zu gründen.

Daß der Ankauf von Ländereien in Amerika bei dem raschen Aufschwünge dieses Landes kein gewagtes Unternehmen, sondern vielmehr ein lohnendes Geschäft sein würde, muß jeder, der auch nur ein wenig Urteil hat, auf den ersten Blick einsehen.

Ob jedoch dieser Akt unserer Selbsthilfe ein mehr oder weniger gu-tes Geschäft werden wird oder nicht, kommt wenig in Betracht gegenüber der hohen Bedeutung, die ein solches Unternehmen für die Zukunft unseres unsteten Volkes haben müßte.

Denn unsicher und prekär wird unsere Zukunft in Ewigkeit bleiben, so lange in unserer Lage nicht ein radikaler Umschwung eintritt.

N i c h t die {29} bürgerliche Gleichstellung der Juden in dem einen oder anderen Staate vermag diesen Umschwung herbeizuführen, sondern ein-zig und allein die Autoemanzipationdes jüdischen Volkes als Nation, die Gründung eines eigenen jüdischen Kolonistenge-meinwesens, welches dereinst unsere ureigene, unveräußerliche Hei-mat, unser Vaterland werden soll!

             

         An Einwendungen gegen unsere Ausführungen wird es freilich nicht fehlen. Man wird uns vorhalten, daß wir die Rechnung ohne den Wirt machen. Welches Land wird uns die Erlaubnis dazu geben, daß wir uns innerhalb seiner Grenzen als Nation konsti-tuieren? Auf den ersten Blick könnte freilich von diesem skepti-schen Standpunkt aus unser Gebäude als ein Kartenhaus erscheinen, Kindern und Witzbolden zum Ergötzen.

Wir glauben aber, daß nur gedankenlose Kindheit sich ergötzen könnte an dem Anblick von Schiffbrüchigen, die sich ein kleines Boot anfertigen wollen, um von einem ungastlichen Lande fortzugehen.

Ja, wir gehen so-gar soweit, daß wir jenen ungastlichen Völkern selbst die sonder-bare Zumutung machen, uns bei unserem Rückzuge beizustehen. Unsere 'Freunde' würden uns mit demselben Vergnügen fortziehen sehen, mit welchem wir ihnen den Rücken kehren.

              Natürlich wird die Gründung eines jüdischen Asyls ohne Unter-stützung der Regierungen nicht zustande kommen können. Um diese zu erlangen und den Bestand unseres Asyls für immer zu si-chern, werden die Schöpfer unserer nationalen Wiedergeburt mit Beharrlichkeit und Umsicht vorgehen müssen.

Was wir erstreben, ist im Grunde weder neu, noch für irgend jemand gefährlich. An-statt der vielen Asyle, die wir von jeher zu suchen gewohnt sind, wollen wir ein einziges Asyl haben, dessen Existenz aber auch politisch gesichert sein müßte.

             

'Jetzt oder nie!' sei unsere Losung.

Wehe unseren Nachkommen, wehe dem Andenken unserer jüdischen Zeitgenossen, wenn wir die-sen Moment verpassen!

 

 

 

 


Wir resümieren den Inhalt dieser Schrift in folgenden Sätzen:

 

              Die Juden sind keine lebende Nation; sie sind überall Fremde, da-her  sind sie verachtet.

             

              Die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden genügt nicht, sie in der Achtung der Völker zu heben.

 

              Das rechte, das einzige Mittel wäre die Schaffung einer jüdischen Nationalität, eines Volkes auf eigenem Grund und Boden, die Autoemanzipation der Juden, ihre Gleichstellung als Nation unter Nationen durch Erwerbung einer eigenen Heimat.

 

              Man rede sich nicht ein, daß die Humanität und die Aufklärung jemals radikale Heilmittel für das Siechtum unseres Volkes sein werden.

 

              Der Mangel an nationalem Selbstgefühl und Selbstvertrauen, an politischer Initiative und an Einheit sind die Feinde unserer natio-nalen Wiedergeburt.

 

              Damit wir nicht gezwungen sind, von dem einen Exil ins andere zu wandern, müssen wir eine umfangreiche, produktive Zufluchts-stätte haben, einen Sammelpunkt, der unser eigen ist.

 

              Der gegenwärtige Moment ist dem entwickelten Plane günstiger als jeder andere.

 

              Die internationale Judenfrage muß eine nationale Lösung erfah-ren. Freilich kann unsere nationale Wiedergeburt nur sehr langsam vor sich gehen.

Wir müssen den ersten Schritt tun.

Unsere Nachkommen müssen uns in gemessenem, nicht übereiltem Tempo folgen.

 

              Die nationale Wiedergeburt der Juden muß durch einen Kongreß jüdischer Notabeln angebahnt werden.

 

              Kein Opfer wäre zu groß, um das Ziel zu erreichen, welches die allerwärts gefährdete Zukunft unseres Volkes sicherstellen soll.

 

              Die finanzielle Ausführung des Unternehmens kann nach Lage der Sache keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen.

 

Helft Euch selbst, und Gott wird Euch helfen!

 


NACHBEMERKUNG

 

              LEON   PINSKER WAR ARZT, UND NIEMALS IST EINE Diagnose hellsichtiger gestellt und eine Therapie klarer vorgeschrieben wor-den als in der vorliegenden Untersuchung über das Wesen der Judenfrage.

 

Die Erkenntnisse dieser von Pinsker in deutscher Sprache verfaßten und auch deutsch, ohne Namensnennung erschienenen Schrift haben an Gül-tigkeit seit den mehr als fünfzig Jahren, die seit ihrem Erscheinen verstrichen sind, nichts verloren; sie sind von ihnen grausam bestätigt worden. Die Analyse des jüdischen Problems, die Pinsker im Rußland des Jahres 1882 durchführte, ist in ihrer ganzen Schärfe gerade im Deutschland des Jahres 1933 als durchschlagend richtig und als weg-weisend zu erkennen.

 

              Leon Pinsker wurde 1821 zu Tomaschow in Russisch-Polen geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er zuerst Jura, sattelte aber später um und wurde Mediziner. 1856, während des Krimkrieges, widmete er sich freiwillig der Kranken- und Verwundetenpflege. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war er ein eifriger Mitarbeiter der rus-sisch-jüdischen Presse. Seine Anschauungen unterschieden sich in nichts von denen seiner gebildeten Zeitgenossen.

Er trat energisch für die Russifizierung ein, in der er das wichtigste Mittel zur Erlangung der Gleich-berechtigung sah. Jüdische Kenntnisse besaß er nur in geringem Maße, er verstand auch nicht Hebräisch, obwohl sein Vater ein jüdischer Gelehr-ter von Ruf war.

              Die Ereignisse der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, das Auf-lodern des Antisemitismus in Europa, die Pogrome in Rußland machten auf Pinsker einen tiefen Eindruck. Er überdachte und überprüfte seine Anschauungen über Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes. Als Ergebnis dieser inneren Wandlung erschien die vorliegende Schrift, die ihn mit einem Schlage zum Führer einer mit durch sie entstandenen Bewegung machte, der 'Chibath Zion' ('Zionsliebe').

 

              Anfangs war Pinsker nach der heutigen Terminologie Territorialist:

er gab Palästina nicht vor anderen Ländern den Vorzug. Erst im Laufe der Jahre ging ihm die Bedeutung Palästinas auf. Ende 1884 berief er die 'Kattowitzer Konferenz' ein und stand von da an der Spitze der 'Chowewe-Zion'. Nach der Legalisierung des 'Odessaer Komitees' wurde Pinsker zum Vorsitzenden gewählt und blieb es bis zu seinem am 9. Dezember 1891 erfolgten Tode.

              Theodor Herzl hat die 'Autoemanzipation' nicht gekannt (oder doch?!- ldn-knigi). Wie für Pinsker die Pogrome des barbarischen Rußland von 1881, war für ihn die Antisemitismus-Eruption des hochzivilisierten Frankreich im Dreyfus-Prozeß von 1894 der Anlaß zu jener inneren Erschütterung, die ihn als einsamen Denker zum Gedanken des 'Judenstaats' führte. Wie er der zionistischen Bewegung den weltpolitischen Charakter gab und die Zio-nistische Organisation schuf, ist bekannt.

Die Balfour-Deklaration von 1917 hat die Grundlage für die Schaffung der 'Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina' gelegt. Unter heroischen Anstren-gungen, unter mannigfaltigen Schwierigkeiten wird heute in Palästina die Autoemanzipation der Juden verwirklicht.

(1933, Deutschland - ldn-knigi)